Madame Tussauds Wachsfigurenmuseum ist weltbekannt â aber wer war Madame Tussaud? Eine Antwort darauf gibt der britische Schriftsteller Edward Carey mit seinem Buch âDas auĂergewöhnliche Leben eines DienstmĂ€dchens namens PETITE, besser bekannt als Madame Tussaudâ. Careys lesenswertes Werk ist keine Biografie, sondern ein historischer Roman, der zwar im GroĂen und Ganzen auf tatsĂ€chlichen Geschehnissen und zeitgenössischen Berichten basiert, in dem aber so manches literarisch um- und ĂŒberformt ist. Daher zunĂ€chst die wesentlichen Fakten zum Leben dieser Selfmade-Karrierefrau.
Geboren wurde Madame Tussaud als Marie Grosholtz 1761 in StraĂburg, eine Halbwaise, deren Vater zwei Monate vor ihrer Geburt als Soldat wĂ€hrend des SiebenjĂ€hrigen Krieges gefallen war. Um sich und das kleine MĂ€dchen finanziell durchzubringen, musste die Mutter eine Stelle als HaushĂ€lterin annehmen â und fand dabei, wie sich spĂ€ter herausstellen sollte, den fĂŒr die Zukunft ihrer Tochter richtungsweisenden Arbeitsplatz. Denn gemeinsam mit Marie ĂŒbersiedelte sie nach Bern, ins Haus des Anatomen Philipp Curtius. Dieser hatte sich auf die Herstellung von Wachsmodellen menschlicher Organe spezialisiert, die als Anschauungsmaterialien fĂŒr Medizinstudenten verwendet wurden. Wesentlich eintrĂ€glicher als diese Objekte aber waren jene Wachsköpfe, die Curtius nach lebenden Modellen anfertigte â und ein besserer Absatzmarkt als Bern war dafĂŒr Paris, wohin Curtius 1765 ĂŒbersiedelte und spĂ€ter auch Marie und ihre Mutter nachkommen lieĂ.
In Paris richtete Curtius eine Modellierwerkstatt ein, die bald sehr erfolgreich war. Denn wer auf sich hielt, lieĂ sich ein PortrĂ€t in Form eines Wachskopfes anfertigen. Marie wurde Curtiusâ Assistentin und von ihm in der Technik des Wachsmodellierens unterrichtet. Er zeigte ihr, wie von den Köpfen der Kundinnen und Kunden zunĂ€chst ein Gipsabdruck gemacht wurde (vor dem Ersticken bewahrten in die Nasenlöcher gesteckte Strohhalme), wie der Abdruck mit Wachs auszugieĂen sei, wie das Wachs einzufĂ€rben sei und wie die Wachsköpfe bemalt, mit Glasaugen und mit Haaren versehen wurden. Als 17-jĂ€hrige schuf Marie ihr erstes eigenstĂ€ndiges WachsportrĂ€t: den Kopf des Philosophen Voltaire. Es folgten die wĂ€chsernen Ebenbilder zahlreicher weiterer bekannter Persönlichkeiten, wie etwa Jean-Jacques Rousseau und Benjamin Franklin.
Als 1789 die Französische Revolution ausbrach, gerieten Curtius und Marie aufgrund ihrer adeligen Kundschaft in den gefĂ€hrlichen Verdacht, AnhĂ€nger der Royalisten zu sein. Um einer drohenden Hinrichtung zu entgehen, musste Marie Totenmasken und Wachsköpfe von soeben Hingerichteten anzufertigen â darunter vermutlich auch von König Ludwig 16. und Königin Marie Antoinette sowie von RevolutionĂ€ren wie Georges Danton und Maximilien de Robespierre.
Als Philipp Curtius 1794 starb, erbte Marie seine Wachsfigurensammlung. Ein Jahr spĂ€ter heiratete sie François Tussaud, einen Ingenieur, mit dem sie zwei Söhne hatte, von dem sie sich jedoch 1800 wieder trennte. Der Grund dafĂŒr soll Tussauds Trunksucht gewesen sein, die Maries WachsfigurengeschĂ€ft, das ohnehin lĂ€ngst nicht mehr so gut lief wie vor der Revolution, an den Rand des Konkurses gebracht hatte. 1802 nahm Marie Tussaud eine Einladung an, ihre Wachsfiguren im Rahmen einer Show des damals berĂŒhmten Illusionisten Paul Philidor (der mithilfe einer Laterna magica bewegte Phantasmagorien auf eine Theaterleinwand projizierte) in London zu zeigen. Zwar brachte ihr dies nicht den erhofften Erfolg, Madame Tussaud aber kehrte nicht mehr nach Frankreich zurĂŒck, sondern tourte mehr als dreiĂig Jahre lang mit ihren Wachsfiguren quer durch England, Schottland und Irland. Die PrĂ€sentationen ihrer Sammlung wurden zu ĂŒberaus populĂ€ren und vor allem auch gewinnbringenden Attraktionen, sodass Madame Tussaud 1835 in der Londoner Baker Street ihr eigenes Museum eröffnen konnte. Nach ihrem Tod, 1850, wurde dieses von ihren Söhnen weitergefĂŒhrt. 1884 wurde das Museum in die Marylebone Road verlegt, wo es sich auch heute noch befindet.
In Edward Careys Roman erzĂ€hlt die Hauptfigur selbst ihre Lebensgeschichte. Diese Ich-Perspektive macht nicht nur die Darstellung sehr lebendig, sondern erlaubt es Carey auch, so manche historisch umstrittene Details in die ErzĂ€hlung aufzunehmen. Denn Madame Tussaud, die viel von Eigenwerbung verstand, hatte 1838 den Schriftsteller Francis HervĂ© beauftragt, ihre Memoiren zu schreiben und diktierte ihm dabei einiges in die Feder, das so gewesen sein mag â oder auch nicht. So etwa, dass sie Ălisabeth de Bourbon, die Schwester von König Ludwig 16., im Zeichnen und Modellieren unterrichtet hatte (was stimmen könnte) und dass sie deshalb einige Zeit im Schloss von Versailles lebte und auch Kontakt zum König hatte (was nirgendwo nachweisbar ist).
âShe knew what would make a great storyâ, meinte Edward Carey dazu in einem Interview (BBC, History Extra Podcast, 13.6.2019) â und auch er hat es verstanden, daraus eine âgreat storyâ zu machen. So gehört es zu den SchlĂŒsselszenen des Romans, wie Marie Ălisabeth die menschliche Anatomie erklĂ€ren will â und es zu einem Eklat kommt, weil die Prinzessin es nicht akzeptieren kann, dass ihr Körper ganz genauso wie der jedes anderen Menschen aufgebaut sei.
Eine besondere QualitĂ€t des Buches besteht darin, dass es Carey gelungen ist, die Stimmung im vorrevolutionĂ€ren und revolutionĂ€ren Paris in packender Weise nachvollziehbar zu machen. Sein GewĂ€hrsmann dabei war der Schriftsteller Louis-SĂ©bastien Mercier (1740â1814), der mit seinem 1781 erschienenen Buch âLe tableau de Parisâ detaillierte Beschreibungen des groĂstĂ€dtischen Lebens lieferte: âHe showed what it was to be a bloke on the streetâ, so Carey, der Mercier zu einem der zentralen Charaktere seines Romans machte.
Madame Tussaud war eine kleine, zarte Frau, und darauf verweist Carey mit dem Titel seines Buches. Dieser lautet im englischen Original lediglich âLittleâ â denn so habe man, heiĂt es im Roman, die kleine Marie Grosholtz in ihren Jugendjahren in Paris genannt. Es war klug von Cornelius Hartz, dass er fĂŒr seine â insgesamt sehr gelungene â Ăbersetzung die französische Entsprechung âPetiteâ gewĂ€hlt hat (und nicht etwa âDie Kleineâ). Dass man aber jene Ăberschrift, mit der Carey sein Buch einleitet: âThe Extraordinary Life and Historic Adventures of a Servant called Littleâ in den Buchtitel ĂŒbernahm und dann noch weiter ergĂ€nzte, mag vielleicht eine notwendige VerstĂ€ndnishilfe fĂŒr die deutschsprachige Leserschaft sein â hat jedoch wenig mit der PrĂ€gnanz des Originals zu tun. Insgesamt aber ist âDas auĂergewöhnliche Leben eines DienstmĂ€dchens namens PETITE (âŠ)â ein auĂergewöhnliches und sehr empfehlenswertes Buch.
Edward Carey: Das auĂergewöhnliche Leben eines DienstmĂ€dchens namens PETITE, besser bekannt als Madame Tussaud. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Verlag C.H. Beck, MĂŒnchen 2022.
Das englischsprachige Original âLittleâ ist 2018 bei Gallic Books, London, erschienen.
14.9.2019